Aus Taquillo
von Dr. Stefanie Kainzbauer
Während eines Studienaufenthaltes (2003) an der theologischen Fakultät der UCA (Universidad Centroamericana José Simeón Canas) und meiner pastoralen Arbeit in der Gemeinde von Taquillo lernte ich sie kennen: die Jugendlichen aus Taquillo und ihre Armut. Es roch. Es roch nach bitteren, harten Lebensumständen. Aber auch nach der Lebensfreude, Motivation und Sehnsucht der Jugendlichen, in eine bessere Zukunft gehen zu können. Begegnung für Begegnung, Gespräch für Gespräch ließen mich immer mehr aufhorchen: die großen Talente und Fähigkeiten der Jugendlichen auf der einen Seite.
Die harte Herausforderung des salvadorianischen Lebens in den Großfamilien auf der anderen Seite: keine Mittel für ausreichend Nahrung, Medizin, geschweige denn Bildung. ... Und da war es dann:
das Stipendienprogramm für anfangs 14 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 23 Jahren.
Die Sterne für diese Initiative standen günstig:
Die salvadorianische Organisation Circulo Solidario erklärte sich bereit, das Stipendienprogramm für die Jugendlichen aus Taquillo vor Ort umzusetzen. Großzügige und wohlwollende Spender aus Deutschland und Österreich haben von Anfang die Finanzierung der Stipendien möglich gemacht.
Für mich persönlich waren es schließlich die Jugendlichen selbst, die mich überzeugten, dass in einem Land wie El Salvador Bildung eine wichtige Grundlage dafür ist, um etwas an der Situation von Armut und Ungerechtigkeit im Land ändern zu können.
Schritt für Schritt ist das Stipendienprogramm zusammen mit der Organisation Circulo Solidario und vor allem auf geniale und kreative Weise mit den beiden Österreicherinnen Magdalena Holztrattner und Julia Stabentheiner sowie engagierten Vereinsmitlgiedern gewachsen.
Jugendliche in der Verantwortung für ihre Gemeinde
|
|
|
|
|
| Eine ehemalige Stipendiatin, die seit dem ersten Gruppentreffen im Jahr 2004 dabei ist und den Gedanken besonders gut vertritt, dass die Jugendlichen Verantwortung für ihre Gemeinde übernehmen, ist Ena. Sie arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation, die durch verschiedene Aktionen, Bildungsprogramme und den Einsatz von Sozialarbeitern das gesunde Aufwachsen von in ärmlichen Verhältnissen lebenden Kindern verbessern will. Ena ist eine von 1200 solcher Sozialarbeiter in El Salvador, wobei sich ihr Verantwortungsbereich auf etwa 130 Familien im Kanton Taquillo bezieht. Ihre Aufgabe ist es, die Familien zu besuchen, zu kontrollieren, ob die Kinder in die Schule gehen (in Zusammenarbeit mit den Lehrern), die hygienischen Verhältnisse zu beobachten, die Eltern an wichtige Termine wie z.B. Impfungen zu erinnern und einmal im Monat einen Weiterbildungskurs zu Themen wie „Sauberes Wasser“, „Wie halte ich Haustiere richtig“ oder „Ausgewogene Ernährung“ durchzuführen.
|
|
|
|
Schulerfolge seit 2009
|
|
|
|
|
|
Auch im vergangenen Jahr haben wieder einige der Jugendlichen ihr Abitur geschafft und somit ihr größtes Ziel erreicht. Hier wollen wir kurz einige der Abiturientinnen und Abiturienten vorstellen:
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Carlos hat eine Auszeichnung als bester Abiturient seines Jahrgangs bekommen und studiert seit diesem Jahr Lehramt Englisch an der UCA in San Salvador. „Am Tag der Zeugnisvergabe war ich so zufrieden wie noch nie in meinem Leben, v.a. weil ich wusste, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat und weil meine Familie glücklich war. Sie haben mich immer wieder motiviert. Gerade weil es für die Armen so schwer ist, wollte ich zeigen, dass wir dieselben Fähigkeiten und Talente haben.“
Im Studium fühlt sich Carlos nun manchmal nicht den steigenden Anforderungen gewachsen. Da sich seine Noten zuletzt etwas verschlechtert haben, befürchtet er, die Hoffnungen, die seine Familie in ihn setzt, nicht erfüllen zu können. Doch gibt es auch Unterstützung! Eine Professorin, die Carlos Engagement beobachtet hat, will ihm zusätzlichen Unterricht anbieten.
|
|
|
|
|
|
|
|
Norma wurde als zweitbeste Abiturientin ausgezeichnet, hat aber bisher leider noch nicht zu studieren oder arbeiten angefangen. „Ich muss meiner Mama im Haushalt helfen, da sie krank ist und schwere Arbeiten im Moment nicht machen kann. Eigentlich würde ich auch gerne Lehramt Englisch studieren. Ich hoffe, dass ich mir meinen Traum in Zukunft erfüllen kann.“
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Wendy wollte gerne direkt nach dem Abitur Lehramt Spanisch studieren an einer Uni in San Salvador, wurde jedoch für dieses Jahr nicht angenommen. Da sie ohne Eltern aufgewachsen ist und vor zwei Jahren ihr Bruder bei einem Unfall ums Leben kam, hat sie keinerlei finanzielle Unterstützung. Deshalb arbeitet sie im Moment als Verkäuferin, um sich das Studium finanzieren zu können.
|
|
|
|
|
|
|
|
Rigoberto hat bereits mit einer Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen und berichtet: „Die Zeugnisverleihung war ein tolles Erlebnis für mich, v.a. weil ich zwischendurch schon aufgeben wollte. Bisher gefällt mir die Ausbildung sehr gut, auch wenn man viel lernen muss. Ich möchte den Menschen und meiner Familie helfen, wenn jemand krank ist.“
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Estela ist eines der Gründungsmitglieder der Gruppe und hat bereits ihr Abitur gemacht. Ihren Vater hat Estela nie gut gekannt und ihre Mutter ist vor ein paar Jahren gestorben, aber sie hat nie aufgegeben und mit Energie weitergemacht. Deshalb freuen wir uns besonders, dass sie sich dieses Jahr den Traum erfüllt hat, Krankenschwester zu werden.
|
|
Probleme und Herausforderungen in Taquillo
Neben den vielen positiven Ereignissen werden leider immer wieder Probleme geschildert, mit denen die Jugendlichen in Taquillo konfrontiert sind: so zum Beispiel mit dem großen salvadorianischen Problem der Kriminalität. Einzelne Jugendliche wurden im letzten Jahr immer wieder von Bandenmitgliedern in der Nähe ihrer Wohnhäuser bedroht.
Viele der Jugendlichen gehen zur Unterstützung ihrer Familien arbeiten, in nahegelegenen Restaurants oder in den Wochenendhäusern der Hauptstädter am Strand.
Zur finanziellen Not, in der sich die Familien der Jugendlichen oft befinden, tragen auch häufig Krankheiten bei, die in Deutschland ohne gravierende Folgen wären. Doch in Taquillo bedeutet Kranksein gleichzeitig nicht arbeiten zu können und somit auch kaum Geld für die relativ teuren Medikamente oder Arztkosten aufbringen zu können. Auch im letzten Jahr konnten einige Jugendlichen nicht immer zur Schule gehen oder an den Gruppentreffen teilnehmen, da sie als Tagelöhner für ein geringes Einkommen in ihrer Familie sorgen mussten. In solchen Fällen besteht aber auch ein starker Zusammenhalt in der Gruppe. Es werden Nahrungsmittel gesammelt, manchmal sogar etwas Geld, um die betroffenen Familien zu unterstützen.
Erfahrungen von Susannes Aufenthalt (Januar bis März 2010)
|
|
|
|
|
|
Begleitet von warnenden Stimmen aus den Medien oder meiner Familie machte ich mich auf den Weg in dieses arme Land, mit dem großen Wunsch, zumindest ein bisschen zur Entwicklung des Landes beizutragen und den Jugendlichen von Taquillo zu helfen. Mit Anspannung – vielleicht sogar ein bisschen Angst wegen der bereits erwähnten Stimmen in meinem Kopf – setzte ich mich also nach Ankunft in San Salvador in den bunt bemalten, jedoch uralten, klapprigen und viel zu vollen Bus nach Taquillo.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Die Strapazen der zweistündigen Anreise schienen jedoch wie verflogen, als mich die Jugendlichen mit einem Willkommens-Schild begrüßten, die Tanzgruppe für mich tanzte und mich 40 Paar schüchterne, aber freundliche Augen begutachteten.
|
|
|
|
|
|
|
|
Ab diesem Moment war für mich klar, hier bin ich genau richtig. Mit dauerhaft hochrotem Kopf, Kamera und Block bewaffnet besuchte ich die Familien der Stipendiaten und versuchte mich einfach auf die Lebenssituation dieser Menschen einzulassen, die nur das Nötigste besitzen. Ein Haus, vielleicht so groß wie meine Studentenbude in Passau, für eine meist 11-köpfige Familie, ein übel riechendes Plumpsklo im Hinterhof, eine Feuerstelle mit ein paar Töpfen als Küche und ein Wassertrog im Freien, der als Badezimmer und Waschküche zugleich diente.
Jeden Samstagnachmittag war ich bei den verschiedenen Aktivitäten der Jugendlichen dabei und hab miterleben dürfen, wie viele gute Aktionen in Taquillo realisiert werden. Das Leitungsteam hier vor Ort ist sehr engagiert und versucht immer wieder neue sinnvolle Programmpunkte auf die Beine zu stellen. Besonders gut gefallen haben mir die Erfahrungen mit den Kindern in den Familien, die ich besuchte. Für unsre Augen einfache Geschenke wie Luftballons, Plüschtiere oder Nutella brachten sie zum Strahlen und auch wenn solche Kleinigkeiten nicht die Probleme der Familien lösen, machte es mich trotzdem glücklich, die Kinder so fröhlich zu sehen. Bei der Abreise freute ich mich natürlich wieder auf Deutschland, aber ich war auch sehr traurig und nachdenklich.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
Begriffe wie Armut und Entwicklungsländer haben auf einmal Gesichter und Namen bekommen. Ich hatte das Gefühl, dass ich in meine heile Welt zurückkehre und so viele tolle Menschen hier in ihrer Armut zurücklasse. Ich werde jedenfalls die Zeit in Taquillo nie vergessen und alle haben mein Versprechen, dass ich zurückkehre – wo sonst kann man so viel Liebenswürdigkeit erfahren und außerdem sooo viele Bohnen und Tortillas umsonst bekommen???!!!
|
|
Wiebkes Erfahrungen in Taquillo (Februar bis April 2009)
|
|
|
|
|
|
Von Februar bis April 2009 verbrachte ich zwei Monate in El Salvador. Unter der Woche arbeitete ich in einer Nichtregierungsorganisation in San Salvador. In dieser Zeit lebte ich zusammen mit einer Gastfamilie, die mich von Beginn an wie ein weiteres Familienmitglied aufnahm. Die Wochenenden verbrachte ich hingegen häufig in Taquillo.
Dieser Aufenthalt ist nun schon eine Weile her. Dennoch ist er mit vielen bleibenden Erinnerungen verbunden. Eine Freundin in El Salvador hat mir einmal gesagt, man könne von den Armen lernen. Und es stimmt!
Als zunächst Fremde in Taquillo wurde ich sofort mit großer Gastfreundschaft und uneingeschränkter Herzlichkeit empfangen. Stets wurde das Wenige, was man besaß, geteilt – meist zu sehr zugunsten des Gastes.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
So kam es z.B. vor, dass ich nach einem Besuch mit zwei schweren Säcken Mangos und ungeachtet meines Widerstandes zurück an den Bus nach San Salvador gebracht wurde.
Trotz ihrer schwierigen Lebenssituation strahlen die Familien und Jugendlichen in Taquillo und auch all die anderen Menschen, die ich in San Salvador kennengelernt habe,
eine enorme Lebenskraft aus. Den Willen, etwas verändern zu wollen, ein wenig mehr Gelassenheit und die Eigenschaft zu teilen, versuche ich mir mit Gedanken an Taquillo ins Gedächtnis zurückzurufen, wenn mich hier in Deutschland einmal wieder ein doch eigentlich so kleines Alltagsproblem bedrückt.
|
|